Erntedank

Auf Beobachtungsposition

Strassencafés als Orte der Begegnung und Beobachtung. Man sitzt eine Weile alleine für sich und beginnt damit, die Aufmerksamkeit auf die vorbeiziehende, sich bewegende Gesellschaft zu richten.

Die Vielzahl der menschlichen Profile verschmelzen langsam zu einer Einheit. Aus dieser Einheit formt sich das reduzierte Ebenbild einer sprechenden, schweigenden, lachenden - kommunizierenden - Gesellschaft.

Das ist die Entstehungsgeschichte der beiden vertikalen Holzsäulen, die als Trägermaterial der Druckarbeiten dienten, aber zugleich als Raumskulpturen zu betrachten sind. Die übereinander aufgereihten menschlichen Profile als Säulenformation unterstehen einem rhytmischen Bewegungsfluss, die offenen Münder scheinen mit dem Betrachter aber auch miteinander zu kommunizieren.

Es geht hier nicht um Individuen, sondern um die Abstraktion der Gesichter, um die Suche nach einer allgemeingültigen und wiederkehrenden Form als Verkörperung der Masse. Das divergierende Verhalten der einzelnen Drucke weist auf die vielfältigen Spielmöglichkeiten des Mediums hin: verändert sich der Hintergrund, so erhält die Kommunikation der Figurenprofile ebenfalls einen anderen Charakter, ganz so, als entspräche der Hintergrund einem undefinierbaren Kommunikationskontext.

Die Welt der Schriftzeichen

Während die Druckarbeiten die Themen der Narration und der Mimik aufgreifen, wendet sich Bernd Engberding mit den vier großen Holzskulpturen der Geburt der Schriftzeichen zu. Deutlich wird seine Suche nach Spuren der Kommunikation und somit nach den Anfängen unserer Kultur.

Die Auseinandersetzung mit Symbolen als Urform unserer Schrift ist ein immer wiederkehrendes Element in Engberdings Motivwahl. Anstelle der Schrift steht in vielen nicht-europäischen Kulturen das Skulpturale für visuell formulierte Sprache: das Bild als Ursprung der Schrift.

Die frühen chinesischen Schriftzeichen verbinden den Wortgehalt mit einer symbolischen Form, zeichnen das "Ausgedrückte" nach. Die beiden abstrakten Holzskulpturen imitieren Symbole, die in dieser gigantischen Vergrößerung eine neue Bedeutungsebene zugewiesen bekommen. Symbole entstammen dem Menschen. Sie schlagen eine Brücke zwischen den Kulturen einerseits und spannen eine Verbindungsachse zu unserer Vergangenheit andererseits: Kultur und Zeit sind die entscheidenden Parameter dieser Arbeiten. Verbindet man Horizontale und Vertikale, steht die schwangere Mutterfigur als Schöpferin des Lebens auf dem Nullpunkt.

Beschleunigte Zeit

Lässt man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte Revue passieren, ist unsere Zeit von einer Beschleunigung und Reduktion der Kommunikation geprägt, was nicht zuletzt durch neue Medien animiert wird. Vielmehr entstand eine mediale Situation, in der die Existenz des modernen Menschen ohne Internet, Fernsehen oder Handy kaum mehr vorstellbar zu sein scheint. Engberdings Rückgriff auf die Urzeichen könnte ein Gegenzug sein. Ihre vergrösserte, dreidimensionale Wiedergabe führt den Betrachter zu den Wurzeln menschlicher Sprache zurück. Die Ernsthaftigkeit des Archaischen nimmt Bernd Engberding mit dem spielerischen Umgang zurück: das verdoppelte Rautenzeichen als Holzskulptur oder die vervielfältigte Wiedergabe des menschlichen Antlitzes als Druckform. Sprache als Ausdruck unserer Kultur ist das wesentliche Beschäftigungsfeld dieser Arbeiten; vielleicht als Kulturkritik, als Kritik an die oftmals misslungene zwischenmenschliche Kommunikation.

Text von Adrienn Meszaros