Ausstellung als reflektierte Gegenüberstellung

Bernd Engberding ist Autodidakt. Aber man begehe nicht den Irrtum, diesen Status mit dem eines Hobbykünstlers, gar eines Naiven gleichzusetzen!

Denn gerade die Abwesenheit "akademischer Zuchtmerkmale" vermag zu begünstigen, daß jemand einerseits besonders strenge Ansprüche an sich und seine Arbeit stellt und dabei andererseits eine besonders vorurteilsfreie Neugier und Offenheit gegenüber seiner gesamten - nicht nur beruflich verwandten - Umwelt und ihren vielfältigen, historisch geprägten Verästelungen entwickelt.

Von derartiger Neugier und Offenheit künden Engberdings Arbeiten. Gleichwohl: diese Arbeiten entstanden nicht in einem kunstfremden oder auch nur kunstfernen Klima. Denn Engberdings Kontakte zur Düsseldorfer Kunstszene datieren weit zurück, und in der Ronsdorfer Straße, wo er seit 7 Jahren lebt und sein Atelier hat, befindet sich bekanntlich eine ganze Kolonie von Leuten, die auf den verschieden-sten Gebieten bildnerisch tätig sind.

Hier auch hatte er im allzu früh verstorbenen Achim Duchow (1948-1993) einen unprätentiösen, phantasiebegabten und - technisch wie professionell - "mit allen Wassern gewaschenen" Ateliernachbarn und Freund, dem er, wie er nachdrücklich betont, sehr viel verdankt. Und mit der "Medien Mafia" an der sich neben Duchow zahlreiche internationale Künstlerinnen und Künstler beteiligten, stellte Engberding 1987 erstmals seine Werke aus.

Bei den nun gezeigten Arbeiten handelt es sich vorwiegend um Ölbilder (z.T. kombiniert mit anderen Materialien wie z.B. Acrylfarbe), um großformatige Holzdrucke sowie um die zugehörigen Druckstöcke.

Manche Motive auf den Leinwänden sind mit Schablonen aufgetragen, und eins der Schablonenmotive wurde als Edition vervielfältigt. In den genannten Techniken spiegelt sich ein Verhältnis des Künstlers zu Tradition und Gegenwart wider, dessen Komplikationen sich bereits ahnen lassen, wenn man zwischen Unikaten und Editionen zu unterscheiden versucht. Zwar kann man Ölmalerei und Holzschnitt gleichermaßen als "alte Techniken" bezeichnen, ohne daß dabei die Grenze verwischt würde, die das handgefertigte Einzelstück vom Auflagenexemplar trennt; aber seit Marcel Duchamp seine "Readymades", "Rectified Readymades" und zeitlich distinkte Editionen nach - z.T. verloren gegangen - "unikativen Readymades" zur Diskussion gestellt hat, sind Definitionen des (Einzel-) Kunstwerks und Kriterien künstlerischer Wertschätzung zunehmend in Frage gestellt worden.

Dahinter kann und will auch Engberding nicht zurück. Wenn er diverse Praktiken der Bilderzeugung kombiniert, ist das folglich nicht nur eine technische Angelegenheit, sondern ein Zeichen dafür, daß bei der eigenen (kunst-)historischen Ortsbestimmung Geistes-Gegenwart nicht ohne Vergangenheits-Bewußtheit zu haben ist. (Ironie und Leichtigkeit im Umgang mit geschichtlichen Ressourcen widersprechen dem nicht: Wurden sie nicht von Duchamp bis Duchow und Koons als intelligent variierbares und substantiell vermehrbares Erbe weitergereicht?)

In Engberdings Motivwahl setzt sich die unauflösbare Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart konsequent fort. Das Neben-einander und Übereinander von Archaischem, Mythologischem und symbolhaften Kürzeln oftmals naturwissenschaftlicher Herkunft bringt nicht nur die stets bedrohlicher werdende Disparatheit von spirituellem Anspruch einerseits und "instrumenteller Vernunft" (Max Horkheimer) andererseits zum Ausdruck, sondern es wird hier auf selber symbolhafte Weise ein Fundus verbildlicht, der danach verlangt, als zusammengehörig wahrgenommen zu werden und so vielleicht eine undogmatische Weltreflexion zu befördern, die wieder den Namen "Naturphilosophie" verdient. Die Ausstellung ist schließlich nicht ohne Grund ein Arrangement von Gegenüberstellungen, die einander reflektieren.

Text von Uli Bohnen